ältester Bericht über eine Begehung der Venushöhle Von Dr. Polack 1855 Lange schon hatte unser Interesse für vaterländische Geschichte und Sage in uns den Vorsatz geweckt, das Innere des Hörselberges zu befahren. Welch schaurigen Begriff wir uns nach den vielfach eingezogenen, sich vielfach widersprechenden Nachrichten von dieser Reise in die Unterwelt machten, geht aus dem Apparat von Sondierungsinstrumenten an Stangen,

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Seilen, Pechkugeln und anderen Brennstoffen zur Erforschung der möglichen Untiefen hervor. Wir machten unsere Tour von Sättelstädt über den Kamm des Berges, an dessen hinterm Ende, fast nach einer Stunde die Höhle erreicht wurde. Sie befindet sich also nicht am Fuße des Berges, wie man der Sage nach vermuten könnte, sondern an der Höhe desselben, und zwar an der westlichen Kuppe. Schon der enge niedrige Eingang in die Schlucht, aus der wir das vielgerühmte Brausen durchaus nicht wahrnahmen, hätte uns, wie vielleicht manchen vor uns, von weiteren Untersuchungen beinahe abgeschreckt. Wir brannten jedoch die Wachslichter in unseren vier Handlaternen an und duckten uns in die Öffnung, die sich etwas abschüssig in die Schlucht fortsetzte, der Magerste von uns voraus. Bald nur gebückt, bald auf den Knien oder auf allen Vieren, bald beinahe flach auf dem Leibe, bald von der Seite vorschiebend, krochen wir um die Ecken und Winkel der Felsen, bald rechts-, bald linksum auf dem groben Steingeröll des Bodens weiter, bis wir in einer Enge von kaum zwei Spannen fast stecken blieben.

 

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Jetzt überlief uns denn doch, offen gesagt, einige Besorgnis um unsere Gliedmaßen, da wir uns nicht drehen konnten, um mit einiger Bequemlichkeit den Rückweg zu versuchen. Der Krebsgang dünkte uns zwar in unserer Lage ganz anständig, schien uns aber wegen möglicher harter Stöße aufs Kreuz so unbequem, daß uns auch nicht die geringste Liebesregung in der Venusgrotte anwandelte. Unser Magerer hatte sich indessen vorwärts gezwängt und eine größere Öffnung erreicht, in die wir nachrutschten. Hier hatten wir so viel Platz, daß wir drei Menschen eng zusammen sitzen konnten, wozu sich größere Steine am Boden einigermaßen eigneten. Sehr erfreut darüber blieben wir eine Weile sitzen, um etwas auszuruhen; ganz aufrecht stehen konnten wir nicht. Unser Atem wurde leichter, und das Geräusch, welches wir auf dem Gerölle verursacht hatten, war wieder verstummt; schauerliche Stille umgab uns, nur das tempomäßige Fallen eines Tropfens nach dem anderen aus einerengen Spalte, die sich hoch aufwärts zog, schlug an unser Ohr. Wir lauschten

diesem seltsamen Geräusch immer angestrengter. Horch! Welch wunderbare Töne, woher dieser Gesang ferner, ferner Chöre! Wie von hundert Stimmen, aus weitester Ferne hörbar, klang es in den zartesten Akkorden, melodisch, bald näher, bald ferner, aber forttönend rauschte der Gesang. Welch seltsames Rätsel war hier zu enthüllen? „Gottseibeiuns oder Frau Venus ist es selber", raunte mir mein Freund, ein Techniker der Thüringer Eisenbahn, zu. „Vorwärts!" antwortete ich ganz verzückt, das liebliche Geheimnis zu entdecken, bog in einem möglichst weiten Schritt, wie ihn meine abermals gebückte Stellung erlaubte, mit der Laterne linksum und - lachte mich selber aus: ein kleines Loch war nur noch vor mir, kaum hoch genug für einen Marder, geschweige denn für uns in Wickelstiefeln; wir waren am Ende unserer unterirdischen Fahrt, die Hoffnung auf Entdeckung des Geheimnisvollen war vernichtet. Unerwartet fanden wir nun einen dünnen Knochen von der Länge einer Hand, den wir nach langer Diskussion über vergleichende Anatomie für die Unterschenkelröhre eines Rehkalbes hielten,

der aber so ausgetrocknet und leicht war, daß er vielleicht schon vor hundert Jahren von einem Fuchse hier abgenagt worden war. Auf einmal entdeckten wir hier bei dieser Beleuchtung die Sänger von vorhin. Es waren Millionen kleiner Mücken, die teils das Gestein bedeckten, teils uns umschwirrten. Erst dadurch, daß wir uns wieder ganz ruhig verhielten, wurde uns aus ihrem Summen der frühere Gesang klar, und je nachdem man das Ohr nach demselben hinneigte, erschien er näher oder ferner, oder man vernahm einen einzelnen Ton aus demselben vorherrschend, ähnlich wie man zuweilen aus dem fernen Glockengeläute einer weidenden Herde einen Klang heraushört. Von größeren Flüglern waren es einige Nachtschmetterlinge, welche jedoch ruhig sitzen blieben; auch einige Käfer mischten durch ihren Flug sonore tiefere Töne hinein.

Eine Begehung der Venushöhle

Wir hatten, um die Akustik der Höhle zu prüfen, eine Mundharmonika und eine Spieldose mitgenommen und ließen nun unsere Stückchen spielen. Eine bedeutende Veränderung in dem gewohnten Tone derselben vernahmen wir nicht, außer daß die Schallstrahlen in dem engen und festen Raum mehr zusammengehalten und dadurch die Töne lauter wurden. Die Schlangenwindungen der Schlucht trugen dazu wohl nichts bei; von einem echoartigen Verhallen war keine Rede. Von ferneren Entdeckungen nun abgeschnitten, zeichnete der eine, der andere stellte auf dem Rückweg die nötigen Messungen der einzelnen Teileder Höhle an. Hoch erfreut über die gemachte Beute erreichten wir endlich wieder den Ausgang und lachten uns bei der Betrachtung unseres Rüstzeuges zur Entdeckung der vermeintlichen Untiefen und Beleuchtung von Festsälen und anderen Gemächern der Frau Venus gegenseitig herzlich aus. Denn hätten wir eine unserer Pechkugeln angebrannt, so wären wir vielleicht in dem engen Räume erstickt.



Was die Beschaffenheit der Höhle weiter betrifft, so kann ihr Umfang früher nicht viel größer gewesen sein, denn von einem allmählichen Verfall derselben, wie viele annehmen, kann deshalb keine Rede sein, weil ihre Wände aus festem, nicht scharfkantigem Kalkstein bestehen, der höchstens durch Ansatz von erhärtetem Kalksinter etwas gewachsen ist, ferner weil das Gerölle auf dem Boden erst an der Decke gehängt hat, wenn auch fester als auf jenem aufliegend. Angeschwemmt kann auch nichts sein, da der Boden unter dem fast einen Fuß tiefen Gerölle aus fettem Ton besteht. Die Temperatur war viel lauer als außerhalb (Luftzug an den Lichtern nicht zu b emerken. Fährten von Raubtieren waren nicht vorhanden). Um noch einmal auf den gehörten Gesang zurückzukommen, so klang derselbe nicht wie von einer Solostimme, wie aus der Sage zu schließen wäre, sondern wie ferner Chorgesang aus einer Kirche ohne Orgelbegleitung; wir glaubten ihn als Hauptmotiv zu der Sage von dem Gesänge der Frau Venus betrachten zu müssen. Wahrscheinlich sind diese Töne schon vor Jahrhunderten unter dem Hinzukommen sonderbarer Umstände gehört worden, vielleicht von einer poetischen Natur, welche das Gehörte und Gesehene mit reicher Phantasie anderen ihres Schlages mitteilte und gleich dem homerischen Sirenengesange, nach den Begriffen der Zeit, einer holden Frau in den Mund legte, die mit ihren Liedern fahrende Ritter betörte.